How I train myself: Kurz-Übung im Fach „Beobachten und Beschreiben“

Beobachten. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn …

… das Problem: Reporter sollen alles erfassen, was für ein Thema wichtig ist. Geht das überhaupt? Höchstwahrscheinlich nicht. Aber es kann ja nicht schaden, hin und wieder die eigene Auffassungs- und Beobachtungsgabe zu prüfen und zu trainieren, bevor es zur nächsten PK, den kommenden Ortstermin oder eine neue Recherche geht.

Die Übung in der Theorie: Auto am Rand einer Fußgängerzone parken, Handycam in Blickrichtung des Fahrers auf dem Armaturenbrett positionieren, Aufnahme starten. Während der nächsten zehn Minuten das Geschehen in einem festgelegten Raum im Blickfeld vom Fahrersitz genau beobachten und das notieren, was einem auffällt. Um sich nicht gleich zu überfordern: Der Bereich darf nicht zu groß sein, das Geschehen nicht zu unübersichtlich.

Die Übung in der Praxis: Auto am Fahrbahnrand abgestellt, am frühen Nachmittag geht das noch ohne Probleme, sogar der Blick auf die Fußgängerzone ist frei. Soweit schon mal alles in Butter. Problematischer ist es schon, das Handy so zu fixieren, dass die Kamera alles einfangen kann. Aber „Gaffer Tape“ eignet sich hervorragend als kleiner Helfer bei diesem schwierigen Unterfangen. Nun nur noch das Fenster runterkurbeln, bequem hinsetzen und Block und Stift bereithalten . Ja, in dieser Situation erscheint das Old School-Equipment tatsächlich hilfreicher als Tablet oder Notebook, weil es noch intuitiver und einfacher zu bedienen ist als iPad und Mac – man kann schließlich einfach kritzeln, ohne den Blick vom geschehen ab- und dem Screen hin und wieder zuwenden zu müssen. Und mein Diktiergerät, das ich üblicherweise für solche Beobachtungen benutze, habe ich leider nicht dabei. Es kann losgehen. Kamera an und die nächsten zehn Minuten einfach mal notieren, was wichtig erscheint. Ich habe mich entschieden, das Treiben vor und in einer Bäckerei zu beobachten.

Ich beginne damit, das Augenfällige zu beschreiben. Datum, Zeit, Ort, Wetter, Sichtverhältnisse. Dann den Ort: „2. Haus re. Seite in Blickrichtung Jakobstraße, Nr. 62, Leuchtreklame „Bäckerei Lerch“, Eingang mittig, rechts und links je großes Fenster, Fußgängerzone davor, rechts daneben Wohnhauseingang, links Drogerie, Bäckerei durch Scheiben nach innen gut einsehbar … zwei Verkäuferinnen: 1. schulterlang blond, korpulent, weißes Oberteil, blaue Hose, Größe nicht schätzbar aber unauffällig, alter ebenso auf Entfernung nicht schätzbar, vermutl. mittleres Alter; 2. kurz schwarzhaarig, auffällig dünn, Brille, gelbes Oberteil, blaue Hose, Größe ca. wie 1. Verkäuferin, Ater nicht schätzbar, vermutl. mittleres Alter. 2 Kunden, Mann, verm. mittleres Alter, … “ Ich komme durcheinander, als zwei weitere Kunden den Laden betreten, versuche, zugleich sie zu erfassen und die Beschreibung fortzusetzen, was nicht ganz gelingen will. Meine Beschreibung wird automatisch schludrig. Ich schreibe „mittlere Größe, schlank, graue, kurze Haare“ und frage mich während des Schreibens schon, was eigentlich eine mittlere Größe ist. Kurz darauf sind die zehn Minuten auch schon vorbei.

Die Auswertung: Daheim angekommen, lasse ich das Video auf dem Desktop laufen. Meine Beschreibungen passen recht gut, das ist schon okay so. Anfangs sind sie genauer als am Schluss, das ist weniger gut, zeigt mir aber mal wieder, dass man schon bei einigermaßen umfänglichen Zusammenhängen rein zeitlich Probleme bekommt, alles genau zu dokumentieren. Beim zweiten Durchlauf konzentriere ich mich allerdings darauf, was auf dem Video zu sehen ist, was ich nicht bemerkt oder beschrieben habe. Zum Beispiel, dass eine der Verkäuferinnen nebenbei Kaffee trinkt und der zweite Kunde im Laden einen knallroten Regenschirm dabei hat, obwohl es bei 23 Grad Celsius seit Tagen nicht mehr geregnet hat.

Das Fazit: Videos und Fotos von einer Situation zu machen ist immer gut, und sei es nur dafür, seinem Gedächtnis später auf die Sprünge zu helfen. Und: Diktiergerät ist wesentlich besser als Stift und Block, weil man ungleich mehr Informationen in kurzer Zeit festhalten kann – es sei denn, man ist ein perfekter Stenograf. Weiß man, dass es später auf eine genaue Bschreibung der Dinge ankommen wird, sollte man sich sehr viel Mühe bei der Dokumentation von Eindrücken mache. Etwa, wenn man später eine gute Reportage schreiben möchte, in der alle Sinneswahrnehmungen wichtig sein können, und seien es Gerüche oder Geräusche. In jedem Falls: Richtiges Beobachten ist gar nicht so einfach und der Zeitaufwand für eine solche – meines Erachtens lohnenswerte – Übung mit insgesamt noch nicht einmal zwei Stunden recht gering.

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