10 Tipps fürs Handling von Whistle Blowern, Zeugen und anderen Informanten

Bei menschlichen – so genannten subjektiven – Quellen handelt es sich in der Regel um Zeugen, unmittelbare oder mittelbare. Als unmittelbar werden Augen- und Ohrenzeugen betrachtet; also all jene, die  einen Sachverhalt selbst erlebt bzw. beobachtet oder angehört haben oder eine objektive Quelle wie ein Dokument selbst in Augenschein genommen haben. Mittelbare Zeugen hingegen kennen den Sachverhalt nicht aus eigenem Erleben heraus. Sie haben durch Erzählungen, durch Lesen etc. von einem Sachverhalt Kenntnis genommen – kennen diesen also nur aus „zweiter Hand“. Unmittelbare Zeugen sind den mittelbaren in jedem Fall vorzuziehen; wer Informationen nicht ist per se ein Zeuge zweiter Klasse.

Häufig fußen ganze Medienbeiträge auf die Aussagen von Zeugen, ohne dass die Quelle hinterfragt worden ist. Eine menschlicher Informant sollte in der journalistischen Arbeit daher immer nur dazu dienen, eine Recherche voranzutreiben und – sofern der Betroffene zustimmt – später den Text zu beleben. Kein journalistischer Beitrag sollte sich jedoch auf die Behauptungen von Zeugen stützen, auch nicht, wenn eine zweite Person die Darstellung bestätigt. Stattdessen ist zwingend erforderlich, jede Aussage einer subjektiven Quelle mit einer objektiven Quelle wie einem Dokument belegen zu können. Warum das notwendig ist, wird anhand der zehn größten Stolperfallen beim Umgang mit subjektiven Quellen deutlich.

Fehlerquelle 1: Der Zeuge ist kein Zeuge
Wer über ein Ereignis oder einen Sachverhalt berichten will, denkt meist erst einmal nicht daran: Aber es gibt eine ganze Menge Menschen, die sich gern wichtig machen. Wittern sie die Möglichkeit, als Zeuge, Experte oder Verantwortlicher in die Medien zu kommen, schwindeln sie mit Hochgenuss das Blaue vom Himmel – je spektakulärer, desto besser. Während man früher vor Ort oder am Telefon nur dann und wann auf solche Wichtigtuer traf und deren Unwahrheiten mit einiger journalistischer Routine und detailliertem Nachfragen oft schnell  enttarnen konnte, tummeln sich inzwischen erfolgreiche Aufschneider zuhauf im Internet. Vor allem in sozialen Netzwerken lassen weitgehend anonyme User die ganze Welt von ihren angeblichen Beobachtungen und Insiderinformationen wissen – und die fleißig abschreibenden Journalisten über ihre wahren Identitäten, Motive und Erlebnisse meistens im Dunkeln. Immer gilt: Nicht blind von der spannendsten Darstellung täuschen lassen!

Fehlerquelle 2: Begrenzte Auffassungsgabe/örtlich u. räumlich bedingte Auffassungsschranken
Der Zeuge ist womöglich aufgrund seines Standorts, des Verkehrslärms und der schlechten Lichtverhältnisse zum Zeitpunkt eines Unfalls überhaupt nicht in der Lage, das Geschehen vollständig überblicken und die Geräusche umfänglich wahrnehmen zu können. Zudem kann der Mensch nur einen bestimmten Teil des Geschehens um ihn herum bewusst erfassen und speichern. Automatisch werden Dinge herausgefiltert, die von geringer oder keiner Bedeutung erscheinen. So kann ein Unfallgeschehen als solches durchaus wahrgenommen werden, weil es etwas Außergewöhnliches ist. Dass die angefahrene Person zuvor achtlos über die Straße gegangen ist, wird vermutlich nicht gespeichert sein, da dies zur Zeit des Geschehens als bedeutungslos unregistriert blieb.

Fehlerquelle 3: Subjektive/selektive Wahrnehmung
Jeder Mensch nimmt die verhältnismäßig wenigen und je nach Person unterschiedlichen bewusst erfassten Ereignisse auch noch verschiedenartig wahr. Grund dafür ist, dass je nach persönlichem Hintergrund stets andere Teile des registrierten Geschehens für bedeutsam erachtet und entsprechend gespeichert werden. So fasst ein Zeuge, der eine Woche vor dem beobachteten Unfall selbst als Fahrer eines Wagens in ein Unglück verwickelt war, das Geschehen anders auf als ein Zeuge, der wenige Tage zuvor als Fußgänger selbst von einem Auto erfasst worden ist. Noch anders sieht es die breite Masse, die selbst noch nie in ein solches Ereignis involviert gewesen ist. Gerade bei Beobachtungen von Täter-Opfer bzw. Gut-Böse-Konstellationen ist die eigene Position des Zeugen für seine Wahrnehmung – ebenso wie für die spätere Wiedergabe – von entscheidender Bedeutung.

Fehlerquelle 4: Vergesslichkeit/Verdrängung
Mit der Zeit verblassen die Erinnerungen zunächst an Details und Einzelheiten, später an ganze Abläufe und Zusammenhänge. Zeugen etwa des Unfalls sollten so früh wie möglich befragt werden. Gerade Menschen mit persönlich schlechten Erfahrungen, die dem Ereignis oder Bestandteilen dessen ähneln, neigen dazu, besonders belastende Beobachtungen zu verdrängen. Abhilfe: Nachfragen zu konkreten Details und chronologische Abläufen können hier die Erinnerung unterstützen, der Zeuge darf aber nicht suggestiv befragt oder derart unter Leistungsdruck gesetzt werden, dass er Details oder Abläufe zusammenreimt, um den Befrager zufrieden zu stellen und die Situation zu beenden.

Fehlerquelle 5: Wertung/Interpretation
Eine der größten Verfälschungsquellen: Zeugen werten häufig, statt ihre naturgemäß ohnehin schon subjektiv gefärbten Beobachtungen so sachlich wie möglich wiederzugeben. Aus dem Fahrer des verunfallten Sportwagens wird schnell ein „Raser“, weil der Zeuge selbst nur einen Kleinwagen fährt und sich generell über drängelnde Sportwagen auf der Autobahn ärgert. Das kann auch zu Weglassungen führen: Hat ein Zeuge z.B. Vorbehalte gegen solche „Raser“, kann das dazu führen, dass Entlastendes wie die Tatsache, dass der Unfallfahrer eigentlich nur eine dem allgemeinen Verkehrsstrom entsprechende Geschwindigkeit an den Tag gelegt haben kann, nicht vorgebracht werden. Vorsicht gilt generell, wenn der Zeuge Superlative oder Adjektive nutzt, um Gesehenes zu beschreiben! Wenn eine 90-jährige Frau mit altersbedingten Schrumpfungserscheinungen in einer Fahrerbeschreibung von „groß“ und „jung“ spricht, könnte die Beschreibung zur selben Person aus dem Mund eines hochgewachsenen Jugendlichen durchaus „klein“ und „alt“ lauten.

Fehlerquelle 6: Unbewusste bzw. bewusste Weglassung ohne Täuschungsabsicht
Zeugen lassen Teile ihrer Beobachtung oft unerwähnt, weil sie selbst diese als nicht relevant einstufen. Auch, wenn ihre Beobachtungen scheinbar den bisher bekannten Fakten, Aussagen oder Sachverhalten bzw. der eigenen Logik zu widersprechen scheinen, erwähnen Zeugen ihre abweichenden und ergänzenden Feststellungen oft nicht (unbewusste Weglassung). Gerade in unerwähnten Details liegt aber häufig der Schlüssel zur Wahrheit: Womöglich hat die Vielzahl anderer Zeugen aufgrund ihres Standorts nur einen Buchstaben auf den Kennzeichen des Unfallwagens erkannt, während ein Zeuge eine Kombination aus zwei Buchstaben gesehen hat, sich aufgrund seines einsamen Standpunkts aber nicht traut, sich mitzuteilen (bewusste Weglassung).

Fehlerquelle 7: Unbewusstes Auffüllen von Wissenslücken durch Erfahrung und Folgerungen
Zusammen mit den Interpretationen und Wertungen eine der gefährlichsten Stolperfallen in Zeugenaussagen – und den Wertungen sehr nahe. Menschen neigen dazu, lückenhafte Beobachtungen durch Erfahrung und (logischen) Folgerungen auszugleichen. Da sich der Unfall auf der XY-Straße in Richtung Bahnhof ereignet hat, kam der Wagen laut Zeugenaussage aus der Z-Straße. Erst auf Nachfrage gibt der Zeuge zu, gar nicht gesehen zu haben, dass der Wagen zuvor auf der Z-Straße gefahren ist. Lediglich die Tatsache, dass fast alle Autos von der Z-Straße kommen, bevor sie die Stelle des Unfalls erreichen, veranlasste den Zeugen, dies auch für den Unfallwagen anzunehmen. Tatsächlich jedoch war der Wagen aus einer Hofeinfahrt direkt auf der XY-Straße eingebogen. Solche Details mögen sich letztlich in vielen Fällen als unerheblich herausstellen – in einigen Fällen verzerren unbewusst aufgefüllte Wissenslücken die Darstellung des Ereignisverlaufs komplett.

Fehlerquelle 8: Falsche Wiedergabe von Objektivfakten
Zeugen neigen dazu, eigene Aussagen durch das Heranziehen scheinbar objektiv überprüfbarer Fakten zu untermauern – und Journalisten neigen dazu, diese vermeintlich wahren Fakten nicht zu überprüfen. Schließlich „wird es schon stimmen, warum sollte jemand sonst so etwas sagen.“ Diese Blauäugigkeit führt teilweise dazu, dass Zeugenaussagen eine Glaubwürdigkeit beigemessen wird, die ihnen nicht zusteht. Immer wieder geistern so falsche Tatsachenbehauptungen durch die Medien, die sich auf unhaltbare Annahmen stützen. In diesem Beispiel etwa mit der Zeugenaussage: „An dieser Stelle kracht es immer wieder, es war nur eine Frage der Zeit, bis es da mal zu einem schlimmen Unfall kommen würde.“

Fehlerquelle 9: Mittelbare Zeugen
Mittelbare Zeugen sind Personen, die von einem Ereignis oder einem Sachverhalt nur gehört bzw. Dokumente dazu gesehen haben. Ihre Angaben dürfen niemals mehr sein als bloße Hinweise auf ein mögliches Geschehen oder eine eventuelle Tatsache. Neben den bisher genannten möglichen Fehlerquellen für Unwahrheiten in ihren Aussagen kommt bei mittelbaren Zeugen die erhebliche Gefahr hinzu, dass schon bei der vorherigen Kommunikation mit dem Augenzeugen erhebliche Verzerrungen in Darstellung und Wahrnehmung stattgefunden haben können und die bereits selektive Wahrnehmung des Augenzeugen noch verkürzt wiedergegeben – besser: grob umrissen – wird. Geben mittelbare Zeugen objektive Dokumente wieder, werden die Fakten allein schon durch die selektive Wahrnehmung und mitunter tendenziöse Wiedergabe zu subjektiven Aussagen. Die Darstellung eines Mannes, der die Unfallbeobachtungen seiner Frau wiedergibt, sind bedeutend weniger glaubwürdig als die Schilderungen der unmittelbaren Zeugin selbst.

Fehlerquelle 10: Bewusste Täuschung
Immer wieder sind Zeugen bei ihren Aussagen auch von eigenen Motiven geleitet und passen ihre Darstellung ihren Zielen an. So könnte etwa der Anwohner, der seit Jahren für eine Verkehrsberuhigung vor seiner Haustür kämpft, sich in eigener Sache als Augenzuge für den Unfall anbieten und natürlich alles unerwähnt lassen, was den Unfall als Bagatelle erscheinen ließe. In anderen Fällen könnte sich aber auch der Konkurrent eines Unternehmers mit falschen Behauptungen an den Journalisten wenden, um seinem Gegenspieler bewusst zu schaden. Häufiges Beispiel der bewussten Täuschung auch: Menschen, die sich mit fremden Federn schmücken. Auch hier sei vor Superlativen gewarnt: „…größtes Unternehmen…“, „…stärkster Wettbewerber…“, „bedeutendster Lieferant…“ usw. sollten generell Anlass zum Nachprüfen sein!

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