Britischer Boulevard: Wir Journalisten müssen Stellung beziehen

Meinung. Technisch möglich ist vieles. Handys abzuhören ist gar nicht so schwierig wie man annehmen wird, und dass das verboten ist, ist jedem Kind klar. Sollte es jedenfalls. Common Sense allerdings hält wohl einige Kollegen des britischen Boulevards nicht davon ab, fleißig von illegalen Methoden Gebrauch zu machen. Lassen sich die Erkenntnisse vom Ablauschen fremder Mailboxen oder vom direkten Mitbhören freilich vertraulicher Telefongespräche doch so schön in die Berichterstattung einbringen, ohne dass man auf die tatsächliche Quelle verweisen muss – dem Informantenschutz und Recht auf Auskunftsverweigerung in vielen Ländern sei es gedankt. Wer sich schließlich auf den Quellenschutz berufen und die Herkunft seiner Informationen verschleinern darf, hat automatisch den Vorteil, dass auch ein illegales Erlangen von Fakten nicht unbedingt öffentlich wird. Dass hier unter diesem schützenden Schirm offenbar weitreichender als bisher angenommen und mutmaßlich in hunderten bis tausenden Fällen gegen geltendes Recht und jeden Anstand verstoßen wurde, darf vor allem von einer Gesellschaftsgruppe nicht hingenommen werden: von uns Journalisten. Wollen wir unsere Privilegien wie den Informantenschutz und das Vertrauen der Gesellschaft auf unsere Berufung bewahren, müssen wir jeden Zweifel am sorgsamen Umgang mit uns eingeräumten Sonderrechten zerschlagen.

Wir sind es, die jetzt schnell und hörbar Stellung beziehen müssen gegen diese Machenschaften. Und wir müssen selbstverständlich auch selbst danach handeln. Tun wir es nicht, wird der Journalismus weiter Schaden nehmen in der öffentlichen Wahrnehmung, wird das weithin sichtbare Bild nur noch verstärkt, wonach Journalisten vor allem eines sind: Aasgeier ohne Gewissen, die es hier und da auch mal nicht so genau nehmen mit der Wahrheit, so lange es der Auflage oder Quote nur zuträglich ist. Mein großer Dank gilt an dieser Stelle vor allem üblen Boulevard-Berichten, handwerklich unsauberen oder am Leser vorbeiberichteten Geschichten in Lokal- bis Nationalmedien und all den „Doku“-Soaps und Scripted Reality-Shows, die natürlich ganz ohne das Ziel, Authetizität vermitteln zu wollen, Tag für Tag und stundenlang in die Haushalte rieseln – und vielleicht bei dem einen oder anderen Zuschauer den freilich völlig unbeabsichtigten Eindruck hinterlassen, hier handele es sich um wahre Tatsachendokumentationen.

Was weiterhin passieren wird, wenn der Journalist seine Privilegien missbraucht, sehen wir am Fall Kachelmann: Kaum ist das Justiztheater vorbei, werden politisch und gesellschaftlich Rufe laut, die zumindest nach ethisch-moralischen Vorstellungen von Teilen des Publikums und Angehörigen der Medienbranche völlig aus dem Ruder gelaufene Art und Weise der Medienarbeit wieder in richtige Bahnen lenken zu wollen – durch etwaige Einschränkungen der Möglichkeiten von Prozessberichterstattung. Eine Forderung, die aus der fragwürdigen Arbeitshaltung einiger weniger Kollegen und Medienhäuser resultiert, deren Auswirkung wir aber alle zu spüren bekommen könnten. Ebenso wie im jüngsten Skandal in Großbritannien. Auch der kann uns allen viel Ärger und Erschwernis bringen – und deshalb sollten wir uns jetzt so schnell und heftig wie möglich dagegen positionieren.

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