Erschreckend kritiklos: Vorsicht bei Datenjournalismus, Teil II

Quelle: BKA/PKS 2011

Quelle: BKA/PKS 2011

Nach meiner Kritik am kritiklosen Umgang mit Datenjournalismus wurde wiederum ich via Social Media kritisiert, ich sei zu unkonkret. Hier nun ein Beispiel für die Gefahren des Datenjournalismus‘: die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS). Sie wurde in der Zeitschrift „journalist“ als eines von mehreren Paradebeispielen genannt, die als Datenquelle für lokalen Data Driven Journalism (DDJ) dienen könnten.

Aber: Obacht! Wer sich einmal wirklich (!) kritisch (!) mit dem Zustandekommen dieser örtlichen und überörtlichen PKS und Lagebilder befasst hat, der weiß, dass die Zahlen und daraus offiziell abgeleiteten Aussagen allenfalls einen Hauch von mutmaßlicher Tendenz darstellen können, in der Regel jedoch überhaupt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die Wirklichkeit zulassen, sich schlechterdings häufig zur Manipulation des Publikums eignen und oft genug völlig unbrauchbar sind.

Gefahr der Manipulation: geschönte Zahlen und politisch motivierte Aussagen

Etwa hier: Wenn in einem Jahr besonders wenige Diebstähle in der Statistik auftauchen, kann das bedeuten, dass die repressiven und präventiven Maßnahmen der Polizei Wirkung gezeigt haben, wie uns der Polizeipräsident oder Minister gern glauben machen will. Es kann aber auch heißen, dass – obwohl es eigentlich eine Zunahme einschlägiger Tatereignisse gegeben hat – einfach weniger davon angezeigt wurden. Oder dass nur solche Taten in die Statistik eingeflossen sind, die zu irgend einem politisch opportunen Stichtag als wahlweise anhängig, abgeschlossen, unangeklagt, rot markiert oder sonstwie völlig unnachvollziehbar eingestuft in den Systemen der Polizei verzeichnet waren. Vielleicht wurden im Vorjahr auch wirklich und tatsächlich alle angezeigten Diebstähle unter dem Punkt “Eigentumskriminalität” in der Statistik erfasst, während in diesem Jahr z.B. die “Diebstähle an und aus Kfz” nicht mehr hinzugezählt werden oder „Wohnungseinbruchsdiebstahl“ nun als eigenständiger Punkt geführt wird, weil sich mehrere Punkte mit kleinen Zahlen zur Tathäufigkeit in der Öffentlichkeit besser verkaufen lassen als eine große. In diesem Fall liegt die Gefahr nahe, einer Anzahl an Äpfeln eine andere Anzahl an Birnen gegenüber zu stellen.

Gefahr des Missverständnises: nicht Früchte mit Äpfeln vergleichen

Man muss jedoch gar nicht erst bis zur Manipulation denken. Schon einfache Missverständnisse können bei der Vermengung von Daten zu einer Geschichte gefährlich sein: Denn während der Journalist unter „Diebstahl“ womöglich grundsätzlich die unerlaubte Wegnahme fremden Eigentums versteht, geht der alltäglich mit derlei Kriminalität befasste Polizist eventuell von den viel feineren Kategorien aus, zu deren Einteilung er berufsmäßig gezwungen ist – etwa von „Diebstahl“, „besonders schwerem Diebstahl“, „schwerem Bandendiebstahl“, ggf. „Unterschlagung“ und so weiter. Wo also zwei Personen über die Zahl der „Diebstähle“ sprechen, der eine jedoch vom Sammelbegriff ausgeht und der andere von einer viel kleineren Unterkategorie, führt das Ergebnis am Ende zumindest aus einer Sicht zwingend in die Irre. In einem solchen Fall droht die Gefahr, Äpfel mit Früchten zu vergleichen.

Gefahr mangelnder Einordnung: Fehlinterpretation und Zusammenhanglosigkeit

Und selbst, wenn nichts manipuliert wurde oder auf völlig unterschiedlichen und unvergleichbaren Bemessungsgrundlagen basiert, sagen die Zahlen i.d.R. überhaupt nichts über Hintergründe aus: Die Anzahl statistisch erfasster Gewaltdelikte im familiären Umfeld nimmt z.B. immer dann besonders zu, wenn die Polizei den Verfolgungsdruck erhöht und die Öffentlichkeit durch aktuelle Missbrauchsfälle für entsprechende Hinweise an die Behörden sensibilisiert sind. Ähhh – tatsächlich? Es sieht jedenfalls so aus. Aber streng genommen ist auch das eine statistische Annahme. Fakt ist auf jeden Fall, dass nicht jede zahlenmäßige Veränderung oder Stagnation in einer Statistik ein wahres Abbild der Wirklichkeit sein muss.

Journalistische Skepsis: Viele Daten sind inhaltlich unbrauchbar

Es gibt noch viele weitere solcher Stolperfallen und allesamt gelten sie nicht allein in Bezug auf die PKS, sondern auf (beinahe) jede statistische Erhebung. Doch schon die wenigen Beispiele hier zeigen glasklar, dass das Heranziehen von Zahlen aus Statistiken, interpretierten Einordnungen, Auslegungen, Datensammlungen, Tabellen usw. für ein datenjournalistisches Stück höchst fragwürdig sein kann. Zuverlässige und seriöse Ergebnisse sind hier in vielen Fällen einfach von vorn herein nicht zu erwarten, wenn man das Ausgangsmaterial einmal kritisch betrachtet.

Insofern kann vom Zusammenrühren von Zahlen, deren Zustandekommen und Hintergründe nicht bis ins Detail nachvollziehbar und vom Journalisten eigenhändig bis zu ihrem Ursprung überprüft und für wahrhaftig befunden worden sind, m.E. schlichtweg nur abgeraten werden. Solche Statistiken wie die PKS sollten vielmehr zum genauen Hinterfragen anregen, einzelne Zahlen höchstens Ausgangsmaterial für nachzurecherchierende Geschichten sein.

Grundsätzlich ist glaubwürdiger Datenjournalismus eindeutig zu befürworten. Da gibt’s nichts schlechtzureden, in ihm stecken sehr gute Möglichkeiten, Themen neu aufzubereiten. Er muss aber zwingend kritisch und verlässlich sein – was im Journalismus eigentlich ein Standard sein sollte, der nicht besonders erwähnt werden muss.

Bosbach/Korff: "Lügen mit Zahlen"

Bosbach/Korff: „Lügen mit Zahlen“

Buchtipp: Gerd Bosbach, Jens Jürgen Korff: „Lügen mit Zahlen. Wie wir mit Statistiken manipuliert werden.“ Heyne Verlag München (Verlagsgruppe Random House), 320 Seiten, Klappenbroschur, 13,5 x 20,6 cm, 40 Grafiken und Cartoons (s/w), € 18,99 (D) bzw. € 19,60 (A), Infos: http://www.luegen-mit-zahlen.de/

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