Fehlerhafte Prämissen und falsche Schlüsse: Vorsicht bei Datenjournalismus, Teil III

Symbolfoto: Kalender

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SpOn meldet, Draghi sei der wichtigste Ansprechpartner der USA in Euro-Fragen. Das zumindest will eine Denkfabrik daraus abgeleitet haben, dass der Italiener häufig im Kalender des US-Finanzministers auftaucht. Ein klassisches Stück über die Tücken des Datenjournalismus‘.

Im Beitrag „Draghi ist für die Amerikaner der Euro-Chef“ auf Spiegel Online (SpOn) wird berichtet, eine belgische Denkfabrik habe anhand des Kalenders von US-Finanzminister Timothy Geithner festgestellt, dass dieser besonders häufig mit EZB-Chef Mario Draghi telefoniere. Das journalistische Fazit bei SpOn: In Euro-Fragen sei der Italiener „der wichtigste Ansprechpartner für die Amerikaner“. Hinterlegt ist der Link auf den Beitrag der genannten Denkfabrik und dort wiederum einer auf die Seite mit den veröffentlichten Kalenderblättern beim US-Finanzministerium – ein typisches Stück Datenjournalismus, wie es scheint.

Kritisch betrachtet, verdeutlicht dieser Beitrag aber vor allem eines: Dass der viel gelobte Datenjournalismus in die Irre führen, weil eben doch viel Interpretation im Spiel sein kann. Und dass die Auswertung und Würdigung der Daten besonders achtsam erfolgen muss. Mehr noch: Schon bei der Auswahl der Daten geschehen offenbar große Fehler – mitunter deshalb, weil lediglich das genommen wird, was da ist, und nicht das, was wirklich brauchbar wäre.

Fehler 1: Quantität ist Bestandteil der Qualität – aber nicht dasselbe

Tatsächlich nämlich belegen die Fakten im vorliegenden SpOn-Beitrag lediglich, dass Minister Geithner den EZB-Vorderen Draghi häufiger als andere angerufen hat. Diese quantitative Aussage gleich zu einer qualitativen Erkenntnis zu (v)erklären, das ist schlichtweg spekulativ, denn Kenntnis über den Inhalt der Gespräche hat niemand. Soll heißen: Wir wissen nur, dass der Amerikaner und der Italiener oft miteinander gesprochen haben und schließen daraus, dass es wichtig gewesen, Draghi also für die Amerikaner der wichtigste Mann im Euro-Raum sein muss. (Streng genommen wissen wir nicht einmal, dass sie oft telefonierten, sondern wir verlassen uns hier auf Kalendereinträge, deren Richtigkeit niemand überprüfen kann.)

Fehler 2: Vorhandenes Datenmaterial ist nicht immer auch das geeignete Datenmaterial

Gewiss, die Zahl der Telefonate zwischen Geithner und Draghi mag ein Hinweis sein, aber es wäre theoretisch auch möglich, dass es sich dabei um Vorbereitungs- und Arbeitsgespräche handelt und die tatsächlichen Entscheidungen von anderen Gesprächspartnern in weniger häufigen Gesprächen gefällt wurden. Hier wird ein weiteres Problem von Datenjournalismus offenbar: Aufgrund von vorhandenem Material werden Aussagen getroffen, die ggf. nicht haltbar wären, würde weiteres Material ausgwertet. Mit Bezug auf den SpOn-Text drängt sich die Frage auf, auf welcher Grundlage die Annahme beruht, dass am wichtigsten ist, wer mit Geithner telefoniert. Warum ausgerechnet mit Geithner? Ist er wirklich derjenige, der in dieser Sache auf us-amerikanischer Seite die wesentlichen Entscheidungen trifft? Wäre in Devisenfragen womöglich der US-Notenbankpräsident ein wichtigerer Ansprechpartner? Oder Vertreter des Parlaments? Und was ist mit Barack Obama? Was, wenn in seinem Kalender stünde, zur Euro-Frage 50 mal mit der deutschen Kanzlerin, 62 mal mit dem französischen Präsidenten und sogar 71 mal mit Juncker, dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe, telefoniert zu haben? Würde man dann immer noch behaupten, Geithner und Draghi seien das Maß der Dinge? Hier also ein ganz klarer Fallstrick: Die bequeme und freie Verfügbarkeit von Daten verleiten dazu, auf sie Aussagen zu stützen, die sie nicht stützen können. Im Zweifelsfall muss also nach geeigneten Daten gesucht, müssen diese ggf. sogar selbst erhoben werden.

Fazit: Guter Datenjournalismus ist oft eben auch schweißtreibende Recherchearbeit – und nicht das per Schnittstelle bequeme Einspeisen mundgerecht gelieferter Daten irgendwelcher Art und Qualität in einen Computer mit dem Ziel, dass ein Programm belastbare Ergebnisse ausspuckt.

Nachtrag: Kritik an Inhalten des Beitrags „Falsche Prämissen und falsche Schlüsse: Vorsicht bei Datenjournalismus, Teil III“ sowie Antworten darauf

  1. Kritiker 1 scheint die Ausführungen für lebensfern zu halten und bemerkt offenbar ironisch, Draghi und Geithner werden „sicher nicht“ über Dinge des Finanzmarktes, sondern lediglich über Pasta-Rezepte gesprochen haben. Antwort des Autors: „Sie Spekulieren. Von Journalisten hingegen erwarte ich dahingehend mehr. Fakten zum Beispiel.“
  2. Kritiker 2 bemerkt, die USA hätten beste Verbindungen zu ihrem „Ankermann“ Draghi und im Beitrag würden die tatsächlichen Machtverhältnisse verkannt. Antwort des Autors: „Sie verstehen mich nicht. Es geht mir nicht darum, was ich glaube oder was ich mir vorstellen kann. Mir geht es hier lediglich darum, dass die Fakten im Beitrag den gefolgerten Schluss schlichtweg nicht zulassen. Die Behauptung, Draghi sei der Wichtigste, mag zwar denkbar und wahrscheinlich sein, er lässt sich aber mit den vorliegenden Fakten schlicht und ergreifend nicht belegen. Es ist eine rein formale Frage: Kann aus der Menge von Telefonkontakten auf die Relevanz eines Gesprächspartners geschlossen werden? Nein! Dass ich Ihren Ausführungen inhaltlich und persönlich auf Ebene von Meinung und Annahme folgen möchte und das von Ihnen Vorgetragene ebenfalls für wahrscheinlich erachte, spielt für meine Kritik am SpOn-Text überhaupt keine Rolle.“
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