Journalismus ist …

Journalismus ist …

… auf jeden Fall nicht, einen Presseausweis zu besitzen und damit möglichst auffällig zu wedeln. Journalistische Arbeit erschöpft sich auch nicht im fehlerfreien Abtippen von Pressemitteilungen und der Befriedigung der eigenen Eitelkeit, wenn die A- oder B-Prominenz einen beim Vornamen nennt. Nein: Wer „bei den Medien“ arbeitet, macht nicht automatisch einen Journalismus, der diese Bezeichnung tatsächlich verdient – summa cum laude und ein Lebenslauf voller Praktika hin oder her.

Es kommt vor allem auf eines an: auf eine tiefe Begeisterung für eine Aufgabe, die mit wenig Chique, dafür aber mit mancher Anfeindung ausgestattet ist. Denn die Arbeit eines kritischen Journalisten bedeutet vor allem: Dreck aufzuwühlen und anderen auf die Füße zu treten.

Auf der Suche nach Informationen sitzt der Reporter zuweilen mehr auf der abgewetzten Couch einer Familie in ärmeren Verhältnissen als in der angesagten Lounge oder beim teuren Italiener. Er liest sich tage- oder wochenlang durch langweilige Archive, schlägt sich mit störrischen Ämtern herum und hört sich die Geschichten von Menschen an, um die andere einen großen Bogen machen. Er wird immer wieder an Telefonen und Haustüren abgewimmelt, muss sich mühsam ein zuverlässiges Informanten-Netz aufbauen, recherchiert Ewigkeiten vor dem Computer und kämpft an der einen Front  häufig genug gegen die Widrigkeiten seiner Recherche. Denn die betroffenen Personen möchten hin und wieder mit zuweilen fiesen und immer öfter auch juristischen Mitteln jede unangenehme Nachforschung und Veröffentlichung verhindern. An anderer Front streitet er sich nicht selten mit seiner Redaktion um jedes bisschen Raum für seine Berichterstattung. Kurz: Journalist zu sein heißt, einen Traumberuf zu haben.

Journalist zu sein bedeutet inzwischen aber auch, zukunftsweisend denken zu können und Traditionen nicht ihrer selbst wegen erhalten zu wollen. Es gilt, Überholtes abzustreifen und Bewährtes mitzunehmen in ein neues Medienzeitalter. Doch zwischen verzweifelt in die Zukunft blickenden Traditionsblattmachern einerseits und den alles bloggenden Virtualisten der Online Community andererseits bleibt vor allem eines auf der Strecke: die handfeste Recherche. Schade eigentlich. Denn gerade das professionelle Kritischwerden, Nachfassen, Nichtlockerlassen, Aufdecken, Einordnen und Berichten unterscheidet den Journalisten vom Schreiberling und den Reporter vom Spaß-Blogger. Statt um ihr bisheriges Informationsmonopol zu kämpfen, sollten Journalisten sich auf ihr Handwerk konzentrieren – und fundierte Berichterstattung mit Mehrwert liefern.

In diesem Sinne: Die wichtigste Frage für den Journalisten sollte nicht die sein, auf welcher Plattform er nachher veröffentlicht, ob sie nun print oder online heißt. Stattdessen sollte er sich zunächst vorrangig mit der Geschichte selbst befassen.

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